„Und daran soll was Gutes sein?!“
Retrospektive auf ein sperriges Jahr 2020

Im Januar dieses Jahres sah alles top aus: gut gefüllte Auftragsbücher, praller Kalender, starke Nachfrage meiner Kundinnen und Kunden. Jetzt im November, dem normalerweise umsatzstärksten Monat des Jahres, bröckeln die Aufträge, werden Trainings und Coachings storniert. Insgesamt fast vier Monate Lockdown, ob strong oder light, hinterlassen in diesem Jahr Spuren.
Gleichzeitig bleibt Zeit für ein Review auf ein außergewöhnliches und provokantes Jahr, das sich als sperrig erweist und gar nicht so leicht einordnen lässt

In meinem Beruf liegt die Aufgabe darin, den roten Faden im Durcheinander zu finden, so dass dann wieder Handlungsfähigkeit entstehen kann. Das will ich gern mal im Blick auf das Jahr 2020 versuchen und habe dies in fünf Thesen gepackt:

Leben ist unverfügbar und Sicherheit eine Illusion

Wie die meisten von uns bin ich in einer stabilen Zeit aufgewaschen, ohne Naturkatastrophen, Kriege oder ähnliches erleben zu müssen. Das macht geneigt zu glauben, dass alles im Leben sicher und machbar ist.
Wir alle sind untrainiert, wenn es darum geht, mit Unsicherheit und Gefahr umzugehen. Wir leben zum Glück in einem Staat, der für vieles sorgt, auch gerade jetzt.
Dieses Jahr macht uns deutlich, dass die Illusion der Sicherheit leicht wie eine Seifenblase platzen kann. Das Leben lässt sich nicht im Voraus festlegen und durchplanen. Es ist und bleibt unverfügbar, entzieht sich unserer Machbarkeit. Wir sind diesem Leben ausgesetzt.
Wenn wir diese Erkenntnis in unserem tiefsten Inneren akzeptieren, sind wir gleichzeitig in der Lage, hellwach und offen die Zeichen der Zeit wahrzunehmen, die uns wahrscheinlich den Weg in eine andere Zukunft weisen werden.

Die Irritation begleitet uns, Experimentieren heißt der Weg

Was ist richtig? Was ist falsch? Das fragen sich gerade viele Menschen.
Natürlich gibt es diejenigen, die schnelle Antworten liefern, die anscheinend genau wissen, wo es langgeht.
Ich habe – ehrlich gestanden – gerade nicht wirklich eine Antwort, und ich weiß auch nicht, ob das gerade hilfreich wäre. Sollten wir nicht eher die Chance wahrnehmen, mal innezuhalten und genauer wahrzunehmen: Was ist wirklich wichtig und wertvoll für uns, für unser Zusammenleben, für unser Wirtschaften, für unser Ökosystem?
Wenn die gewohnten Wege nicht mehr wie selbstverständlich funktionieren, sind wir verunsichert, manchmal sogar verstört. Das ist schwer auszuhalten.
Und gleichzeitig ist es gut. Denn nur so weiten wir den Blick nach rechts und links, unsere Wahrnehmung kann andere Signale aufnehmen und es wachsen uns Möglichkeiten zu, die wir vorher vielleicht nicht wahrgenommen oder sogar ausgeschlossen haben.
Und wir können im Ausprobieren entdecken, ob diese Möglichkeiten zu neuen Wegen ausgebaut werden können oder nicht. Das kann auch bedeuten, dass wir ein oder zwei Umwege in Kauf nehmen müssen – doch damit lernt man schließlich die Landschaft kennen, oder?

Nichts funktioniert ohne Gemeinschaft, das „ausschließlich ICH“ ist am Ende

Dieses Jahr hat uns wirkungsvoll und zugleich schmerzhaft deutlich gemacht, wie sehr wir Menschen auf freundliche, positive und vertrauensvolle Begegnungen angewiesen sind – und wie sehr wir darunter leiden, wenn wir diese nicht haben.
Gegenseitige Ablehnung, Kränkung, Verleumdung, Missachtung, verbale Angriffe und abwertende Ausdrucksformen mögen vielleicht das Ego einzelner Menschen und deren Status stabilisieren, einen Beitrag zu einem kooperativen und verbindenden Klima  leisten sie mit Sicherheit nicht.
Um Krisenzeiten miteinander wirkungsvoll zu bewältigen, brauchen wir genau den anderen Weg: Aufeinander hören, die Anderen verstehen wollen, die Eigenart eines jeden  respektieren, den Beitrag jedes einzelnen achten und kooperieren, damit wir gemeinsam gute Lösungen erringen.

Provokanter Perspektivenwechsel: Was ist systemrelevant?

Eine brisante Frage, die so manches in unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem IN Frage stellt. Doch für mich ist es DIE Frage, wenn es um die zukünftige Form unserer Gesellschaft und unseres Miteinanders geht:
Was ist für unser Zusammenleben wirklich (system)relevant?
Wenn wir auf dieses Jahr schauen, dann könnte die Antwort lauten: Gesundheit, Bildung, Fürsorge für Kinder und Ältere, Gemeinschaft, Begegnung, existenzielle (Grund-)Sicherung.
Haben wir aus diesem Jahr etwas gelernt? Bauen wir aus diesen Antworten jetzt endlich adäquate und stimmige Systeme, die den Menschen in seiner Würde und seinen wesentlichen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellen?

Ein zukunftsweisender Schritt: Gelebte Partnerschaftlichkeit auf allen Ebenen

Menschen unterschiedlichster Couleur, viele Sichtweisen, verschiedene Interessen: Dies alles zu einer funktionierenden Gemeinschaft zusammenfügen – dafür brauchen wir Diversität und Partnerschaftlichkeit in allen Entscheidungs- und Handlungsgremien. Diese paritätisch zu besetzen, sehe ich als eine der wichtigsten zukünftigen Aufgabe in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Hier haben wir noch ziemlichen Nachholbedarf. Und auch daran, wieder deutlicher eine offene, kontroverse und gleichzeitig konstruktive Diskussions- und Auseinandersetzungskultur zu leben – und keinen Lobbyismus, der bereits in Hinterzimmern die Dinge geregelt und Koalitionen geschmiedet hat.
Schaffen wir also Gelegenheiten und Gemeinschaften, wo Menschen sich FÜR ihre Werte stark machen und um deren Verwirklichung ringen können – ohne GEGEN Andere auszuteilen oder diese abzuwerten. Das ist gelebte Partnerschaftlichkeit, die Menschen auf Augenhöhe miteinander in Aktion bringt.

Vor sechs Jahren haben wir in unserem Unternehmernetzwerk Pro Wirtschaft Pfaffenhofen diesen Ansatz schon in den drei Werten MENSCHLICH – KOOPERATIV – ZUKUNFTSGESTALTEND auf den Punkt gebracht. Nach diesem Jahr setze ich ein Ausrufezeichen dahinter und sage klar: Genau so geht der Weg weiter!