Schluss mit Harmoniegesäusel! So machst du klar, wofür du stehst.


Hallo Emma,

dieser Konflikt geht dir echt an die Nieren, stimmts? Du bist sprachlos und ringst darum, ob und wie du das Ganze ansprechen sollst. Das kann ich gut verstehen, weil es ja auch zur anderen Seite ausschlagen kann.

Ansprechen oder Mund halten – das ist deine Frage!

Da ist deine Kollegin auf der Station, die immer wieder ihre Dienste tauscht, so dass es am besten ihrem Freizeitplan entspricht. Sie lässt außer Acht, dass die fachliche Besetzung auf der Intensivstation stimmen muss. Das machst deinem Ärger Luft, weil dir das Wohl der Kinder auf eurer Station am Herzen liegt und du selber die Last der Verantwortung spürst: Hier muss jede und jeder Hand anlegen, ihr seid extrem gefordert, weil es stets um Leben und Tod geht. Du schreibst, das geht einfach nur, wenn auf die Kollegen voll und ganz Verlass ist.

Jetzt allerdings quält dich die Frage, wie du mit dem Konflikt am besten umgehen sollst. Du hast bereits versucht, das Thema im Team anzuschneiden, bist jedoch nicht durchgekommen. Du hast Sorge, dass das Team-Klima schlechter wird, wenn du mit der Kollegin sprichst, weil zwischen euch schon ziemliche Spannung spürbar ist. Es spricht schon mal sehr für dich, dass du nicht einfach nur rot siehst, sondern die Wirkung im Blick hast.

Unausgesprochenes wirkt – geht unter die Haut.

Unausgesprochenes liegt uns schwer im Magen, drückt uns nieder, geht an die Nieren. Da schnürt es einem dem Hals zu und macht Kopfzerbrechen. Unsere Sprache bringt es drastisch auf den Punkt: Unausgesprochenes wirkt – und zuallererst immer auf uns selber. Nicht gerade wohltuend!

Viele Leute sagen mir dann allerdings: Aber ich kann doch nicht alles aussprechen, was zwischen uns nicht stimmt! Dann streiten wir ja nur noch. Dazu sage ich unumwunden:

Unausgesprochenes wirkt immer. Dann lass es lieber gut ausgesprochen wirken!

Ich darf diesen „magic moment“ des Aussprechens in der Konfliktklärung immer wieder erleben: Menschen sagen, was ihnen gegen den Strich geht, was ihnen wirklich wichtig ist, was für sie so einen hohen Wert darstellt – und dass sie nicht darauf verzichten wollen. Das ist nicht leicht, doch immer wieder beeindruckend.

Vor allem dann, wenn sich beim Gegenüber bewegt: Mehr Aufmerksamkeit, mehr Achtung, mehr Verbundenheit. Plötzlich Augenkontakt, Wahrnehmen, Offenheit.

Es ist dieser Moment, der deutlich macht: Ja, ich verstehe, worum es dir geht – und kann es anerkennen.

Echte Harmonie und wirkliche Verbundenheit passiert ausschließlich dort, wo Menschen miteinander sprechen und sich austauschen. Worte finden für das, was ihnen wertvoll ist. Dafür einstehen. Sich offen zeigen, dass sie verletzlich sind, wenn ihre Werte nicht zum Zug kommen.

 

Mut zum Klartext – NICHT GEGEN den anderen, sondern FÜR meine Werte!

Ich weiß auch, dass die Angst groß ist vor diesem Schritt: Wie wird der andere es aufnehmen? Kann ich mich so ausdrücken, dass es nicht ein Angriff wird, sondern wirklich ein Einstehen für mich? Werden wir anschließend noch gut miteinander klarkommen? Oder wird das Team-Klima unwiderruflich geschädigt?

Das alles sind wichtige Bedenken und gleichzeitig gute Punkte zur Vorbereitung, die ich dir  zusammenfassen will.

So schaffst du echte Harmonie:

  • Mach dir bewusst, worum es dir wirklich geht: Was sind deine wichtigsten Werte, für die du hier eintreten möchtest?
  • Sei dir im Klaren darüber, dass deine Kollegin die Sache vielleicht völlig anders erlebt und bewertet – und lass dir erzählen, was ihre Sicht der Dinge ist.
  • Wenn du das Gespräch mit der Kollegin suchst, dann erzähl ihr von deiner Unsicherheit. Sprich davon, dass es für dich eine Mutprobe bedeutet, das anzusprechen. Dass du mit ihr gemeinsam eine gute Lösung finden möchtest. Dass dir wichtig ist, die Dinge nicht unausgesprochen zu lassen …
  • Wenn du mit ihr sprichst und es keine Verständigung gibt, dann hol dir Hilfe. Lass dich von einer dritten Person unterstützen, z.B. eurer Stationsleitung, jemanden aus dem Personalrat, einer externen Person. Diese soll nicht Partei ergreifen, sondern euch beiden helfen, dass ihr einander zuhört und euch auf die jeweilige Sichtweise des anderen einlassen könnt. Also jemand, der moderiert und nicht dirigiert.

 

Lass dir bloß nicht weismachen, dass das ein einfacher Schritt ist, so nach dem Motto: Hier hast du mal einen Ablaufplan, halt dich dran und dann klappt das schon. Es wird immer Angst machen, wenn wir uns verletzlich zeigen – und jede Menge Mut brauchen.

Doch ich mach mich für dieses Thema stark, weil ich aus Erfahrung weiß: Es lohnt sich!

Wenn du also auf wirkliche Harmonie Wert legst, dann nimm deinen Mut zusammen und sprich aus, was dich bewegt. Du weißt ja, welches Wort entsteht, wenn du beim Wort „Wut“ den ersten Buchstaben auf den Kopf stellst, oder?

Marianne