Wertschätzung ist kein Weichspüler


„Hören Sie mir bloß auf mit Wertschätzung!“ – energisch, ärgerlich und fast ein bisschen resigniert schmetterte mir eine Projektleiter im Training diesen Satz entgegen. Und das, was sie erzählt, stimmt mich nachdenklich.

Das Wort „Wertschätzung“ wird inzwischen so inflationär in den Mund genommen, dass es geradezu eine nichtssagende Floskel geworden ist.

Es gibt kein Leitbild, wo es nicht an die Wand geschrieben ist: Alle sollen wertschätzend miteinander umgehen. Verstanden wird darunter: Stets freundlich, nett, friedlich, harmonisch, liebenswürdig.

Es werden Seminare abgehalten und erwartet, dass im Anschluss daran alle wertschätzend miteinander in Kontakt sind, doch in Wirklichkeit präsentiert sich die Realität ganz anders – da wird Durchsetzungskraft und Ellenbogenmentalität gefordert und befördert.

 

Wertschätzung als Beruhigungsmittel?

 

Da hat sie mich ins Mark getroffen, die Projektleiterin. Wo doch die Wertschätzung mein Herzensthema ist …

Wenn du Wertschätzung so verstehst, dass du nur noch Positives zum anderen sagen darfst und Kritik so „verpacken“ musst, dass der andere auf keinen Fall verletzt oder sauer auf dich ist, sitzt du einem gewaltigen Missverständnis auf.

 

Wertschätzung wird zum zahnlosen Tiger

 

Das hat nämlich nichts mehr mit wahrhaftiger und klarer Anerkennung zu tun, sondern dient deinem eigenen Harmoniebedürfnis – eine Lutschpastille, um die wirklichen Themen, die unter dem Teppich liegen, nicht zur Sprache bringen zu müssen.

Und dann möchte ich genau wie die Projektleiterin sagen: Hör mir bloß auf mit Wertschätzung!

 

Wertschätzung ist WIR-Stiftung!

 

Tragfähige und Verbindung stiftende Wertschätzung lässt sich eben nicht in weichgespülten und lauwarmen Floskeln transportieren. Wertschätzung braucht dich ganz, als Mensch und in deiner Haltung. Andere spüren sofort, ob du es ernst meinst oder nicht.

Respekt und Vertrauen – das sind die Zutaten der Wertschätzung

 

Respektierst du

–          die Realität, wie sie sich im Moment gerade zeigt?

–          dich selbst und alles, was dir in dieser Situation gerade WERT-voll ist?

–          dein Gegenüber, der das vertritt, was für ihn oder sie einen hohen WERT hat?

 

Wertschätzung braucht ein gesundes Mischungsverhältnis – 5:1

 

5-mal mehr zu benennen, was gelingt, wo jemand Positives bewirkt – das lässt Sicherheit und Gelassenheit wachsen.

Und 1-mal das auszusprechen, was nicht gelingt, wo Reibung entsteht, wo Miteinander schwierig ist, stärkt das Vertrauen, dass hier ehrlich mit mir umgegangen wird.

Dann wird Wertschätzung zum echten, kraftvollen, starken Motor des Miteinanders und nicht zum klebrigen Sirup, der uns einlullt und letztendlich nichts, aber auch gar nichts in Bewegung bringt.

 

Machen wir endlich Schluss mit weichgespülter, lauwarmer, vermeintlicher Wertschätzung – und sprechen wir wirklich aus, was wir als Wert schätzen (auch wenn das vielleicht erst mal nicht so ganz enthusiastisch aufgenommen wird).

Es macht Sinn, dass es ist, wie es ist. Und wir lernen zu vertrauen, dass wir schon damit umgehen können, wenn es gerade mal nicht so harmonisch zugeht.