DIE und WIR – Spaltung leicht gemacht!


Hallo Robert,

Mensch, war das eine hitzige Diskussion gestern Abend im Tonys.
Du kamst frisch aus Chemnitz. Dort hast du die Demos der „Rechten“ live miterlebt.
Und du hast vor Wut geschäumt wie das frisch eingeschenkte Weißbier, das vor dir stand!

Mit jedem Satz wurde deine Stimme lauter. Du hast diese Gruppe junger Männer beschrieben. Mit lauten „Wir sind das Volk“-Parolen, mit Stiefelknallen und wuterfüllten Gesichtern sind sie an dir vorbeizogen. Deine Nervosität und deine Anspannung waren immer noch mit Händen zu greifen.

 „Ihr seid schuld. Wir sind die Opfer. Jetzt zeigen wir´s euch!“ – so hast du deren Botschaft auf den Punkt gebracht.

Spannend fand ich die Reaktionen an unserem Tisch:
„Die sind doch vor Jahrzehnten stehengeblieben.“ „Die wollen sich doch nur stark fühlen.“ „Die kann man doch nicht ernst nehmen.“ „Denen muss man einfach aus dem Weg gehen.“ „Die wissen doch gar nicht, wie gut sie es haben.“

Da war sie wieder, die typische Spalt-Axt aller Konfliktsituationen:
DIE und WIR!

 

Man nehme DIE:
Die Anderen, die Gemeinen, die Bildungsfernen, die Arbeitgeber, die Rechten, die Linken, die Flüchtlinge, die Konservativen, die besorgten Bürger, die Harz4-Empfänger, die Reichen, die Einheimischen, die Migranten.
Gib dazu noch eine Portion Misstrauen, Ablehnung und einen Schuss abwertende Sprache: Fertig ist der Kampfmodus!

Ich war echt geschockt, wie schnell das bei uns funktioniert. WIR sind überzeugt, dass WIR auf der richtigen Seite stehen: Die mit der richtigen Meinung, der richtigen Position, dem guten Willen, der passenden Überzeugung, den anerkannten Werten, der vernünftigen Einstellung …

DIE und WIR – damit heizen wir Konflikte richtig an

Ich erlebe dieses Muster in Unternehmen, in Vereinen, unter Nachbarn: Wo Menschen Konflikte austragen. Wo es mehr ums Rechthaben und den „richtigen“ Weg geht. Wo es wichtiger ist, der gemeinsamen Denkart zu dienen. Wo es wichtiger scheint, das eigene durchzuboxen Wo es gar nicht so sehr darauf ankommt, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Egal, wo es geschieht, ob im Unternehmen, im Verein oder unter Nachbarn:
DIE sind immer und zuallererst Menschen – genauso wie WIR.

Urteile nie über einen anderen,
bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Schuhen gegangen  bist.

Dieses indianische Sprichwort ist mir heute nach unserem Gespräch eingefallen. Und ich frage mich gerade:
Wie würde ich fühlen, sprechen und handeln, wenn ich die Biografie von DENEN hätte?

 

Das verspricht doch eine interessante Diskussion beim nächsten Weißbier zu werden, oder?
Ich freu mich auf dich.

Marianne